Wie AI dem Fachkräftemangel in der Schweiz entgegensteuert

•
•
Software & Digitalisierung
Software & Digitalisierung

Der demografische Wandel könnte laut einem Papier von economiesuisse und dem Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV) aus dem Jahr 2024 bis 2035 rund 460'000 Vollzeitstellen unbesetzt lassen. AI bietet die Möglichkeit, die Produktivität pro Person zu steigern, repetitive Aufgaben zu übernehmen und Fachkräfte auf das zu konzentrieren, was Maschinen nicht können.

Papier im Schaufenster mit der Aufschrift "Help Wanted", symbolisch für den Fachkräftemangel, dem mit AI entgegengearbeitet werden kann

Wie gross ist der Fachkräftemangel in der Schweiz wirklich?

Der Fachkräftemangel in der Schweiz ist 2026 keine Konjunkturerscheinung, sondern eine strukturelle Verschiebung: Bis 2035 könnte die Lücke auf rund 460'000 fehlende Vollzeitstellen anwachsen. Die Ursache liegt nicht in einem schwachen Arbeitsmarkt, sondern in der Demografie. Die Zahl der über 65-Jährigen wird bis 2055 auf rund 2,7 Millionen ansteigen. Die ständige Wohnbevölkerung dürfte gemäss Referenzszenario des Bundesamts für Statistik (BFS) bis 2055 auf rund 10,5 Millionen wachsen. Die Bevölkerung im Erwerbsalter wächst zwar mit, aber deutlich langsamer: Auf 100 Personen zwischen 20 und 64 Jahren kommen heute 38 Personen ab 65, bis 2055 werden es rund 51 sein. Immer weniger Erwerbstätige müssen die wirtschaftliche Leistung für eine alternde Gesellschaft erbringen, und daran ändert auch eine gute Konjunktur wenig.

Diplomierte Pflegefachpersonen (HF und FH) sind im Gesundheitswesen besonders gesucht. Im Fachkräftemangel Index der Adecco Gruppe Schweiz und des Stellenmarkt-Monitors Schweiz der Universität Zürich stehen die Spezialistinnen und Spezialisten in Gesundheitsberufen seit 2022 durchgehend auf Rang 1. Der Stellenmarkt-Monitor zeigt für 2025 insgesamt eine Entspannung gegenüber den Vorjahren. Diese Entspannung ist real, aber ungleich verteilt: Gesundheitswesen, Bau und ingenieurtechnische Berufe bleiben weiterhin angespannt. Laut einer Auswertung der Stellenplattform Publicjobs stieg das Ausschreibungsvolumen im Gesundheitswesen des öffentlichen und gemeinnützigen Sektors 2025 gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent. Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat ihre Prognose für 2026 zuletzt deutlich auf ein reales BIP-Wachstum von 1,9 % angehoben. Doch auch eine stärkere Konjunktur löst das demografische Problem nicht.

Das Bild, das economiesuisse, das Bundesamt für Statistik (BFS) und der Stellenmarkt-Monitor der Universität Zürich gemeinsam zeichnen, ist eindeutig: Der Mangel konzentriert sich auf wenige Berufsgruppen, trifft diese aber strukturell und dauerhaft. Die Adecco Gruppe Schweiz und die Universität Zürich bestätigen in ihrem gemeinsamen Stellenmarkt-Monitor, dass 2025 nur noch eine kleine Zahl von Berufsgruppen ein klares Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage aufwies, und genau diese Gruppen bleiben die Engpässe. Gleichzeitig zählen Büro-, Verwaltungs- und kaufmännische Berufe laut Fachkräftemangel Index 2025 zu den Gruppen, die als besonders stark gegenüber AI exponiert gelten. Genau dort liegt der grösste Hebel für AI-gestützte Automatisierung.

Welche Berufe sind am stärksten betroffen?

Gesundheit, Bau, Ingenieurwesen und Bildung stehen unter dem grössten Druck, und ausgerechnet dort sind es Berufe, bei denen menschliche Präsenz, Erfahrung und Urteilsvermögen nicht automatisierbar sind. Pflege, Pädagogik, Handwerksberufe und IT-Sicherheit weisen sehr geringe Automatisierungsgefahr auf, weil sie körperliche Präsenz, situatives Urteilsvermögen oder soziale Verantwortung erfordern.

Gesundheit

Diplomierte Pflegefachpersonen mit Abschluss HF und FH sowie Fachpersonen Gesundheit (FaGe) fehlen schweizweit. Fachärztinnen und Fachärzte verschiedener Disziplinen sind besonders in ländlichen Regionen gesucht. Pflege braucht körperliche Präsenz und klinisches Urteilsvermögen. Im Fachkräftemangel Index 2025 führen Gesundheitsberufe das Ranking erneut an, unter anderem wegen der alternden Bevölkerung.

IT

Software-Entwickelnde, Cloud-Architektinnen und -Architekten sowie Cybersecurity-Fachleute bleiben wichtig, doch der IT-Stellenmarkt hat sich deutlich abgekühlt. Laut Fachkräftemangel Index 2025 verzeichnen ICT- und Informatikberufe einen der stärksten Rückgänge. Die Nachfrage verschiebt sich hin zu erfahrenen Spezialistinnen und Spezialisten, die AI-Systeme entwickeln und im Betrieb einsetzen: Laut Hochschule Luzern wurden zwischen Juli 2025 und Juni 2026 rund 32 Prozent mehr Stellen mit AI-Bezug ausgeschrieben als im Vorjahr.

Bau und Handwerk

Elektrikerinnen und Elektriker sowie Sanitärinstallateurinnen und -installateure fehlen in der ganzen Schweiz. Handwerkliche Arbeit ist ortsgebunden und erfordert situatives Urteilsvermögen. Im Fachkräftemangel Index 2025 belegen Berufe in Bauführung und Produktionsleitung sowie Polierinnen und Poliere Rang 2, Elektrikerinnen und Elektriker sowie Elektronikerinnen und Elektroniker Rang 4.

Bildung und Soziales

Schulen auf der Primarstufe und der Sekundarstufe I suchen weiterhin Lehrpersonen, auch wenn sich der Druck laut Publicjobs 2025 leicht entspannt hat. Sozialpädagogische Rollen erfordern Beziehungsarbeit, die sich nicht delegieren lässt.

Ingenieurwesen und Industrie

Maschinenbauingenieurinnen und -ingenieure sowie Fachleute für Automatisierung sind in der Schweizer Industrie stark gesucht. Diese Berufe kombinieren Erfahrungsurteil, Systemdenken und physische Präsenz, alles Merkmale, die AI strukturell nicht replizieren kann. Robotik und Automatisierungstechnik schaffen zwar neue Produktionskapazitäten, ersetzen aber nicht die Fachleute, die diese Systeme planen, warten und weiterentwickeln.

Warum AI keine Jobs vernichtet, sondern neue schafft

Die Angst, AI vernichte massenhaft Stellen, basiert auf einem klassischen Denkfehler: der «lump of labor fallacy», also der Annahme, Arbeit sei ein begrenzter Kuchen, den AI einfach wegisst. Prof. Dr. Marcel Salathé, Co-Direktor des AI Center der EPFL, ordnet die Angst vor massenhaftem Stellenabbau genau so ein: Wer davon ausgeht, dass AI Tausende Stellen streicht, unterstellt eine fixe Menge an Arbeit. Tatsächlich entstehen mit effizienteren Prozessen neue Aufgaben, für die menschliche Expertise gefragt ist. Ein Allheilmittel gegen den Fachkräftemangel ist AI für Salathé aber nicht: Entscheidend sei, dass Fachkräfte früh Kompetenzen in AI und kritischem Denken aufbauen.

Die OECD trifft eine wichtige Unterscheidung: Nicht ganze Berufe verschwinden durch AI, sondern einzelne Tätigkeiten darin. Eine Pflegefachperson wird nicht durch AI ersetzt, wohl aber kann sie einen Teil ihrer Dokumentationsarbeit an AI abgeben. Das World Economic Forum rechnet in seinem Future of Jobs Report 2025 damit, dass technologische, demografische und wirtschaftliche Trends bis 2030 weltweit rund 170 Millionen neue Stellen schaffen und 92 Millionen verdrängen, netto also ein Plus von 78 Millionen. Für das Verständnis, warum AI im Unternehmen keine Bedrohung ist, lohnt sich ein genauerer Blick auf diese Mechanismen.

Was AI tatsächlich verändert, ist der Tätigkeitsmix innerhalb von Berufen. Administrative Assistenz und Datenerfassung gelten als am stärksten automatisierbar. Pflege, Pädagogik und Handwerk weisen sehr geringe Automatisierungsgefahr auf. AI verschiebt damit, welche Qualifikationen knapp sind, ohne Fachkräfte pauschal zu ersetzen. Der Anteil der Stellen für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger im öffentlichen Sektor blieb 2025 im Vergleich zu 2024 unverändert. Neue Rollen entstehen, während andere Tätigkeiten wegfallen: Neben technischen Profilen werden laut Hochschule Luzern deutlich mehr Stellen als Product Owner, Manager oder AI Consultant ausgeschrieben. Und der Nutzen ist messbar: In einem kontrollierten Experiment des MIT sank die Bearbeitungszeit für Schreibaufgaben mit AI-Unterstützung um 40 Prozent, die Qualität stieg um 18 Prozent.

→ AI ist kein Jobkiller, sondern ein Tätigkeitstransformator: Sie nimmt weg, was automatisierbar ist, und gibt Fachkräften Kapazität für das zurück, was nur Menschen können.

Wie kann AI dem Fachkräftemangel konkret entgegensteuern?

AI kann fehlende Fachkräfte nicht ersetzen, aber sie kann den vorhandenen Fachkräften die Aufgaben abnehmen, die keine menschliche Expertise brauchen. Konkret verschiebt AI den Tätigkeitsmix so, dass Fachkräfte ihre Zeit für das einsetzen, was Maschinen nicht leisten können. Das Know-how von Fachleuten lässt sich sichern, bevor diese in Rente gehen: Wissen, das sonst mit der Pensionierung verloren geht, bleibt in strukturierten Systemen dokumentiert und abrufbar. Wer heute mit zehn Prozent weniger Personal arbeitet als noch vor fünf Jahren, gewinnt durch AI-gestützte Automatisierung Kapazität zurück, ohne eine einzige neue Stelle besetzen zu müssen.

Gesundheit

Bereich: Spitäler, Pflegeheime, ambulante Versorgung
AI-Aufgabe: Übernahme von Dokumentation, Berichterstellung, Terminplanung und Schnittstellenmanagement zwischen Systemen, damit das manuelle Übertragen von Daten entfällt
Freigewordene Kapazität für Fachkräfte: Pflegefachpersonen verbringen mehr Zeit am Bett und weniger Zeit am Computer; Fachärztinnen und Fachärzte konzentrieren sich auf Diagnostik und Therapieentscheide

IT

Bereich: Softwareentwicklung, Systemadministration, Cybersecurity
AI-Aufgabe: AI-gestützte Code-Reviews, automatisierte Tests und Anomalie-Erkennung
Freigewordene Kapazität für Fachkräfte: Software-Entwickelnde konzentrieren sich auf Architekturentscheide und komplexe Problemlösungen, die kontextuelles Systemwissen erfordern

Bau und Industrie

Bereich: Bauprojektsteuerung, Produktionsplanung, Qualitätssicherung
AI-Aufgabe: AI-Planungstools unterstützen bei Terminplanung und Frühwarnsystemen für Projektverzögerungen
Freigewordene Kapazität für Fachkräfte: Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Polierinnen und Poliere können sich auf Vor-Ort-Entscheide und handwerkliche Qualitätskontrolle konzentrieren, die physische Präsenz erfordern

Verwaltung und KMU

Bereich: Buchhaltung, Lohnwesen, Berichtswesen, Kundenkommunikation
AI-Aufgabe: Automatisierte Belegerfassung, Zahlungsabgleich, Berichtsgenerierung und Datenübernahme zwischen Systemen
Freigewordene Kapazität für Fachkräfte: Sachbearbeitende wenden ihre Zeit für Kundenkontakt, Ausnahmebearbeitung und strategische Aufgaben auf, die Urteilsvermögen erfordern

AI-Literacy, Prompt-Kompetenz und kritisches Denken sind die neuen Grundqualifikationen für Fachkräfte in allen Branchen. Wer heute beginnt, positioniert sich für den veränderten Stellenmarkt. Wie das in der Praxis gelingt, zeigt der Artikel AI im Betrieb einführen.

Was das für deinen Betrieb bedeutet

Wer weniger Personal hat, kann es sich nicht leisten, Stunden für administrative Routine zu verbrauchen. nextesy automatisiert für Schweizer KMU Belegerfassung, Zahlungsabgleich und Lohnabrechnung, damit das vorhandene Team produktiver wird, ohne dass eine neue Stelle besetzt werden muss. Der AI-native Ansatz, der im wissenschaftlichen Umfeld der ETH Zürich wurzelt und von Innosuisse mitgetragen wird, ist auf die realen Engpässe kleiner und mittlerer Betriebe in der Schweiz ausgerichtet. nextesy kostenlos testen, 14 Tage, ohne Kreditkarte.

Ähnliche Artikel

Ähnliche Artikel